Es knirscht im Team - kann ein Teamworkshop wirklich helfen?
- Korinna Kubelt

- vor 14 Stunden
- 8 Min. Lesezeit
Was Teamentwicklung leisten kann und warum nachhaltige Veränderung mehr als einen gemeinsamen Tag braucht.

Der Termin steht, die Einladung ist verschickt, ein halber oder ganzer Arbeitstag im Kalender blockiert. Die Teamleitung ist erleichtert: Endlich gibt es einen Rahmen, um Themen anzusprechen, die im Alltag immer wieder untergehen oder schon länger für Unmut sorgen.
Im Team selbst klingt die Begeisterung häufig etwas verhaltener. Ein Satz, der mir in solchen Situationen erstaunlich oft begegnet, lautet: „Grundsätzlich finde ich ja auch gut, dass wir das heute machen …“ Und dann kommt das Aber: „Vier Stunden sind schon ziemlich viel.“„Meine Arbeit macht in der Zeit ja niemand.“„Kollege X wird sich sowieso nicht äußern.“„Und Kollegin Y kommt bestimmt wieder nicht.“
Zwischen grundsätzlicher Zustimmung, vollem Postfach und den Erfahrungen aus vergangenen Workshops steht deshalb oft eine sehr berechtigte Frage im Raum:
Bringt das diesmal wirklich etwas – oder reden wir einen Tag lang miteinander und anschließend läuft doch alles weiter wie bisher?
Ich kann gut verstehen, woher diese Skepsis kommt.
Wenn Skepsis mit in den Teamworkshop kommt
Ein Teamworkshop findet schließlich nicht im luftleeren Raum statt. Während über Zusammenarbeit gesprochen wird, verschwinden die offenen Aufgaben nicht. E-Mails warten, Fristen rücken näher und auf dem Schreibtisch entsteht ein Stapel, der nach dem Workshop zuverlässig noch da ist.
Und dann soll man sich ausgerechnet in dieser Situation öffnen: über Belastungen sprechen, über das, was im Miteinander nicht gut läuft, vielleicht sogar über eigenes Verhalten.
Hinzu kommen Erfahrungen aus früheren Workshops. Es wurden Karten beschrieben, Erwartungen gesammelt und Maßnahmen vereinbart. Am Ende hing irgendwo ein Fotoprotokoll, auf dem alle sehr engagiert aussahen. Nur verändert hat sich wenig.
Dass nicht alle mit großer Zuversicht in einen neuen Workshop starten, ist deshalb erst einmal nachvollziehbar.
Manche wünschen sich schon lange Veränderung. Andere haben sich mit der Situation arrangiert. Einige sind neugierig, andere vorsichtig. Und manche wären vermutlich lieber an ihrem Schreibtisch geblieben.
Das muss nicht anders sein.
Ein Teamworkshop braucht keine vollständige Zustimmung und schon gar keine künstlich erzeugte Begeisterung. Entscheidend ist vielmehr, ob es gelingt, einen Rahmen zu schaffen, in dem die Beteiligten trotz unterschiedlicher Erfahrungen und Erwartungen bereit sind, sich auf die gemeinsame Arbeit einzulassen.
Dazu gehört auch, skeptische Stimmen nicht vorschnell als Widerstand abzutun. Hinter „Das bringt doch sowieso nichts“kann die Erfahrung liegen, dass frühere Vereinbarungen versandet sind. Hinter „Dafür haben wir keine Zeit“ eine sehr reale Überlastung. Und hinter „Hier wird sich sowieso niemand ehrlich äußern“ vielleicht die Erfahrung, dass Offenheit bislang nicht besonders gut funktioniert hat.
Auch die Einschätzungen über einzelne Kolleg erzählen etwas über die Geschichte eines Teams: der Schwierige, die Empfindliche, der Unzuverlässige, diejenige, die immer alles an sich zieht.
Solche Bilder helfen zunächst, Verhalten einzuordnen. Schwierig werden sie dort, wo sie so fest geworden sind, dass kaum noch Platz für andere Erklärungen bleibt.
Skepsis ist deshalb für mich kein Störgeräusch, das möglichst schnell wegmoderiert werden muss. Sie kann wichtige Hinweise darauf geben, womit ein Team in den Raum kommt und was es braucht, damit gemeinsames Arbeiten möglich wird.
Zuversicht muss dabei nicht schon am Anfang vorhanden sein. Manchmal entsteht sie erst im Verlauf, wenn Menschen merken: Hier passiert tatsächlich etwas, das mit unserem Arbeitsalltag zu tun hat.
Damit aus einem Teamworkshop nicht einfach nur ein voller Tag wird
Wenn eine Teamleitung mich anfragt, lautet der Wunsch zunächst häufig: „Die Zusammenarbeit soll besser werden.“
Verständlich – aber was genau heißt das? Geht es um Absprachen, Rollen oder Verantwortlichkeiten? Um Konflikte? Um hohe Belastung? Um Führung? Um Entscheidungswege? Oder um Themen, die im Alltag immer wieder liegen bleiben?
Und woran würde man eigentlich merken, dass die gemeinsame Zeit hilfreich war?
Je klarer diese Fragen im Vorfeld werden, desto besser lässt sich ein sinnvoller Rahmen für den Workshop schaffen.
Und manchmal zeigt sich dabei auch, dass ein Workshop gar nicht das passende Format ist.
Geht es vor allem um einen festgefahrenen Konflikt zwischen einzelnen Beteiligten, kann eine Konfliktmoderation oder Mediation sinnvoller sein. Steht die Entwicklung einer Führungskraft oder einer einzelnen Person im Mittelpunkt, passt möglicherweise ein Coaching besser. Und wenn ein Team über einen längeren Zeitraum an Zusammenarbeit, Rollen oder Strukturen arbeiten soll, braucht es eher eine Prozessbegleitung als einen einzelnen Workshoptag.
Zur Auftragsklärung gehört für mich deshalb auch die Frage: Was braucht es hier eigentlich – und in welchem Format kann das Anliegen sinnvoll bearbeitet werden?
Gleichzeitig wäre es ein Fehler, daraus bereits eine fertige Diagnose für das Team zu machen. Die Perspektive der Führungskraft ist ein wichtiger Ausgangspunkt, aber eben nur einer.
Deshalb interessiert mich zu Beginn eines Workshops auch, was die Teilnehmenden selbst mitbringen: Was beschäftigt sie? Was wünschen sie sich für den Tag? Was wäre für sie ein hilfreiches Ergebnis?
Dabei wird meist schnell deutlich, dass nicht alles in einen Workshop passt. Manche Themen lassen sich an diesem Tag gut aufgreifen, andere brauchen mehr Zeit, einen anderen Rahmen oder Entscheidungen, die gar nicht innerhalb des Teams getroffen werden können.
Ein guter Workshop braucht deshalb Klarheit darüber, woran gearbeitet werden soll – ohne bereits festzulegen, was das Team am Ende herausfinden muss.
Und er braucht Transparenz darüber, was in der gemeinsamen Zeit möglich ist und was nicht.
Was ein Teamworkshop realistisch leisten kann
Wer einen Workshop als Lösung für alle bisherigen Schwierigkeiten ankündigt, baut Erwartungen auf, die kaum erfüllbar sind. Ein mehrstündiger Workshop ersetzt keine jahrelang eingeübten Muster. Ein Tag löst nicht jeden Konflikt.
Und auch eine professionelle Moderation verwandelt ein belastetes Team nicht über Nacht in eine harmonische Arbeitsgemeinschaft.
Ein Workshop kann aber etwas anderes leisten.
Er kann einen Raum schaffen, in dem ein Team beginnt, anders auf die eigene Zusammenarbeit zu schauen. Muster können sichtbar werden, festgewordene Zuschreibungen ins Wanken geraten und aus einem diffusen Ärgernis kann ein konkretes, bearbeitbares Thema werden.
Manchmal lässt sich etwas ausprobieren, das im Arbeitsalltag bislang kaum möglich war: eine schwierige Rückmeldung aussprechen, ohne sofort in die gewohnte Reaktion zu geraten. Eine andere Perspektive wirklich hören. Eine Vereinbarung treffen und konkretisieren. Oder eine Situation noch einmal betrachten, von der längst alle glaubten zu wissen, was dahintersteckt.
Das klingt zunächst kleiner als der Anspruch: „Heute verbessern wir unsere Zusammenarbeit.“
Tatsächlich liegt genau darin oft der größere Wert eines Teamworkshops: nicht möglichst viel an einem Tag zu lösen, sondern an den richtigen Stellen etwas in Bewegung zu bringen.
Nicht immer muss das größte Problem zuerst auf den Tisch
Gerade wenn Konflikte schon länger bestehen, gibt es häufig zwei gegenläufige Erwartungen: Die einen möchten endlich alles aussprechen. Die anderen fürchten genau das.
Beides ist verständlich.
Ein sinnvoller Einstieg muss deshalb nicht zwangsläufig bei der größten Verletzung oder dem heikelsten Thema liegen. Manchmal entsteht an einer zunächst unspektakulären Stelle etwas, das für die weitere Arbeit viel wichtiger ist: Die Beteiligten erleben eine vertraute Situation plötzlich anders.
Aus der Praxis: Wenn festgefahrene Bilder wieder beweglich werden
In einem Workshop arbeitete ich mit einem Team, das seit Monaten unter hoher Arbeitsbelastung stand. Das war allen klar. Weniger klar war, was diese Belastung inzwischen mit der Zusammenarbeit gemacht hatte.
Im Team standen längst unterschiedliche Vorwürfe und empfundene Ungerechtigkeiten im Raum. Vieles davon war durchaus schon besprochen worden – allerdings eher in kleineren Konstellationen als miteinander.
Ich entschied mich in diesem Fall für eine Aufstellungsarbeit. Solche Formate setzen voraus, dass die Beteiligten bereit sind, sich auf eine etwas offenere Form der Reflexion einzulassen – und gerade zu Beginn eines Workshops ist das nicht immer selbstverständlich. Hier habe ich mir einen relevanten Mehrwert versprochen, weil sie Unterschiede im Erleben und im Umgang mit der Belastung sichtbar machen kann, ohne dass sofort alles ausführlich erklärt oder ausdiskutiert werden muss.
Genau das war in diesem Fall hilfreich: Die Teilnehmenden konnten zunächst zeigen, wie sie selbst die aktuelle Situation erleben: Wo stehe ich gerade? Was fordert mich besonders? Wo erlebe ich Unterstützung, wo Druck? Und was passiert mit mir, wenn die Belastung steigt?
Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich die Einzelnen mit derselben angespannten Arbeitssituation umgingen – und welche Geschichten sich im Team daraus längst entwickelt hatten.
Eine Kollegin galt beispielsweise als diejenige, die häufig als Erste geht. Das wurde von mehreren im Team als geringeres Engagement erlebt und auch entsprechend bewertet. Im Austausch wurden Rahmenbedingungen sichtbar, die bislang kaum Teil dieser Diskussion waren und ihr Verhalten in einen anderen Zusammenhang stellten.
An anderer Stelle sorgten unterschiedliche Arbeitstempi für Frust. Während einige auch unter hoher Belastung schnell entschieden und große Mengen abarbeiteten, brauchten andere länger. In der gemeinsamen Betrachtung wurde deutlicher, dass dahinter nicht einfach mehr oder weniger Leistungsbereitschaft stand, sondern auch unterschiedliche Arbeitsweisen und Stärken – etwa ein besonders genauer Blick auf Details, Risiken oder mögliche Fehler.
Und auch bei einer Kollegin, die viele Aufgaben an sich zog, zeigte sich eine deutliche Lücke zwischen eigener Absicht und Außenwirkung. Was für sie mit Verantwortungsübernahme und dem Wunsch verbunden war, einen guten Beitrag zu leisten und dafür auch Anerkennung zu erfahren, wurde von anderen längst als Alleingang, Kontrolle oder mangelndes Vertrauen erlebt.
Die Unterschiede waren also nicht neu. Neu war, dass darüber nicht mehr nur in getrennten Gesprächen gesprochen wurde, sondern miteinander.
Dadurch verschwanden weder die hohe Arbeitsbelastung noch bestehende Konflikte. Aber manches wurde nachvollziehbarer. Entscheidungen, Verhaltensweisen und Entwicklungen bekamen einen Kontext, der zuvor gefehlt hatte. Und aus vermeintlich eindeutigen Erklärungen entstanden wieder Gesprächsmöglichkeiten.
Gleichzeitig öffnete sich damit der Blick über die persönliche Ebene hinaus. Wenn beispielsweise sehr unterschiedliche Arbeitsweisen immer wieder an denselben Stellen aufeinanderprallen, stellt sich irgendwann auch die Frage, ob Aufgaben passend verteilt sind, Rollen klar genug sind oder teaminterne Schnittstellen sinnvoll funktionieren. Wenn Menschen Fehler aus Angst vor Kritik eher absichern oder vermeiden, geht es nicht nur um individuelle Kommunikation, sondern auch um die gelebte Fehlerkultur.
Genau darin liegt für mich eine Stärke solcher Prozesse: Sichtbar werden nicht nur persönliche Wahrnehmungen und gegenseitige Zuschreibungen, sondern auch die Strukturen, Abläufe und Arbeitsbedingungen, die diese Dynamiken mit prägen.
Für das Team war diese Sequenz eine Art Türöffner. Nicht, weil plötzlich alles gelöst war, sondern weil wieder mehr Kontakt möglich wurde – und damit auch eine andere Form, über Zusammenarbeit, Verantwortlichkeiten und notwendige Veränderungen zu sprechen.
Manchmal beginnt Veränderung genau dort: wenn festgefahrene Bilder wieder beweglicher werden und aus dem Reden übereinander wieder ein gemeinsames Hinschauen entsteht.
Nachhaltige Teamentwicklung braucht den Arbeitsalltag
Ein Workshop kann einen Prozess anstoßen. Ob daraus tatsächlich Veränderung entsteht, entscheidet sich aber selten im Workshopraum allein.
Eine Vereinbarung, die dort sinnvoll klingt, muss sich im Arbeitsalltag erst bewähren. Ein neuer Blick auf einen Konflikt muss auch dann noch verfügbar sein, wenn das Postfach voll ist, eine Frist drängt und jemand genau in das Verhalten zurückfällt, das alle längst kennen.
Deshalb gehört für mich zur Teamentwicklung auch die Bereitschaft, später noch einmal hinzuschauen: Was haben wir tatsächlich ausprobiert? Was funktioniert besser? Wo sind alte Muster zurückgekehrt? Was braucht eine Korrektur?
Veränderung verlangt Aufmerksamkeit ausgerechnet dort, wo sie häufig knapp ist: im Alltag.
Sie bedeutet manchmal, vertraute Reaktionen zu unterbrechen. Und gelegentlich auch festzustellen, dass nicht nur die anderen etwas anders machen müssen.
Gleichzeitig lässt sich nicht jedes Problem über Kommunikation und Zusammenarbeit lösen. Wenn Aufgaben dauerhaft nicht zu bewältigen sind, Verantwortlichkeiten strukturell unklar bleiben oder personelle Ressourcen fehlen, braucht es möglicherweise Entscheidungen auf einer anderen Ebene.
Teamentwicklung sollte strukturelle Probleme nicht zu Beziehungsproblemen erklären.
Aber sie sollte auch nicht unterschätzen, welchen Unterschied es machen kann, wenn Menschen wieder miteinander statt übereinander sprechen, Vereinbarungen verlässlicher werden oder festgefahrene Muster nicht mehr automatisch ablaufen.
Je nach Anliegen kann deshalb ein späterer Blick auf die getroffenen Vereinbarungen, ein Follow-up oder eine längerfristige Prozessbegleitung sinnvoll sein; nicht nur, um einen Workshop künstlich zu verlängern, sondern um das, was dort angestoßen wurde, mit dem tatsächlichen Arbeitsalltag abzugleichen und weiterzuentwickeln.
Bringt ein Teamworkshop also wirklich etwas?
Ich sage: Ja.
Ein guter Workshop kann ein Team nicht innerhalb weniger Stunden "reparieren" oder fixen, was über Monate oder Jahre (auch in bester Absicht) verfestigt wurde. Am Ende ist auch meist nicht jede Frage beantwortet.
Die gemeinsame Zeit kann jedoch etwas ermöglichen, wofür im Arbeitsalltag oft kaum Raum bleibt: genauer hinzusehen, festgefahrene Deutungen zu überprüfen, unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen und herauszufinden, woran es sich tatsächlich zu arbeiten lohnt.
Ein Teamworkshop muss nicht alles verändern. Aber er sollte etwas anstoßen, das anschließend weitergetragen werden kann.
Und manchmal ist genau das der entscheidende Anfang.



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