Fehlerkultur in der Arbeitswelt
- Korinna Kubelt

- 5. Juli 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen
Zwischen Anspruch, Verantwortung und Lernen

Dass Fehler nicht automatisch ein Untergang sind, sondern wichtige Hinweise geben und Entwicklung ermöglichen können, ist vermutlich keine besonders überraschende Erkenntnis.
Mich interessiert deshalb weniger die grundsätzliche Forderung nach einer „guten Fehlerkultur“ als das, was Fehlerkultur in der Arbeitswelt tatsächlich bedeutet.
Was passiert, wenn ein Fehler Konsequenzen hat? Wie lässt sich Verantwortung klären, ohne vorschnell Schuldige zu suchen? Und wann lohnt es sich, neben dem individuellen Handeln auch auf Abläufe, Schnittstellen, Führung oder Arbeitsbedingungen zu schauen?
Für mich beginnt Fehlerkultur genau an dieser Stelle.
Wenn Fehler möglichst unsichtbar bleiben sollen
Viele Menschen haben früh gelernt, dass Fehler Folgen haben können. Sie werden bewertet, kritisiert oder als Hinweis darauf gelesen, dass jemand einer Aufgabe nicht gewachsen ist. Diese Erfahrung verschwindet nicht automatisch an der Bürotür.
In Arbeitskontexten mit hohem Zeitdruck, klaren Hierarchien oder starkem Leistungsanspruch wächst deshalb häufig der Wunsch, möglichst unangreifbar zu bleiben. Rückfragen werden zurückgehalten, Unsicherheiten lieber nicht gezeigt und Entscheidungen noch einmal abgesichert.
Der Anspruch, gute Arbeit zu leisten, ist dabei nicht das Problem. Schwierig wird es, wenn daraus die Erwartung entsteht, möglichst keine Unsicherheit zeigen und schon gar keine Fehler machen zu dürfen.
Kommt es dennoch zu einem Fehler, beginnt mitunter ein leises Sortieren: Wer wusste was? Wer hätte reagieren müssen? Warum wurde nicht kommuniziert oder rechtzeitig interveniert?
Das wirkt zunächst vernünftig. Schließlich braucht es Klarheit darüber, was passiert ist. Schwierig wird es, wenn die Suche nach Verantwortung so viel Raum einnimmt, dass für die eigentliche Auswertung kaum noch etwas übrig bleibt.
Dann lautet die entscheidende Frage irgendwann nur noch: Wer war es? Dabei wäre mindestens ebenso wichtig zu verstehen, wodurch die Situation begünstigt wurde.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Fehler entsteht selten an nur einer Stelle
Wie schnell sich der Blick verändert, wenn nicht nur der einzelne Fehler, sondern auch sein Entstehungskontext betrachtet wird, zeigte sich kürzlich auch in einem Teamcoaching.
Es ging um einen Vorgang, der im Team noch einige Zeit für Ärger gesorgt hatte. Für einen laufenden Auftrag hatte sich kurzfristig die Priorität geändert: Ein Arbeitsschritt musste früher abgeschlossen werden als ursprünglich geplant. Die Information dazu war im Team angekommen – nur nicht bei der Kollegin, die ihre Arbeit daraufhin hätte umstellen müssen.
Sie arbeitete deshalb nach dem bisherigen Zeitplan weiter. Als auffiel, dass der Zwischenschritt bereits am nächsten Tag gebraucht wurde, musste kurzfristig umorganisiert werden. Andere Aufgaben blieben liegen, mehrere Kolleg:innen sprangen ein und genau das passierte, was in einem ohnehin stark belasteten Team niemand gebrauchen konnte: zusätzlicher Zeitdruck und zusätzliche Arbeit.
Auf den ersten Blick schien die Sache ziemlich eindeutig. Ein Kollege hatte von der geänderten Priorität gewusst und die Information nicht weitergegeben. Der Fehler war benennbar – und die verantwortliche Person scheinbar auch.
Als wir den Ablauf genauer rekonstruierten, wurde das Bild allerdings weniger eindeutig.
Die Zuständigkeit für den Auftrag war wenige Wochen zuvor verändert worden. Bis dahin hatte der Kollege solche Informationen selbst verarbeitet; inzwischen sollte er sie nur noch weitergeben. Gleichzeitig liefen relevante Informationen über mehrere Wege: per E-Mail, in einer gemeinsamen Ablage und in kurzen Abstimmungen im Team. Eine verbindliche Regel dafür, wer bei kurzfristigen Änderungen aktiv wen informiert, gab es nicht.
Der Kollege war zudem davon ausgegangen, dass die Kollegin die Änderung über den gemeinsamen Verteiler ebenfalls gesehen hatte. Sie wiederum rechnete damit, dass Änderungen, die ihren Arbeitsbereich unmittelbar betrafen, aktiv an sie weitergegeben würden. Beide Annahmen waren für sich genommen nachvollziehbar – zusammen funktionierten sie nicht.
Hinzu kam die hohe Arbeitsbelastung. Rückfragen wie „Hast du das eigentlich schon gesehen?“ waren zunehmend zu etwas geworden, das man sich im hektischen Alltag sparte, wenn man davon ausging, dass die Information ohnehin angekommen sein müsste.
Damit verschwand die individuelle Verantwortung nicht. Der Kollege hätte die geänderte Priorität weitergeben müssen.
Aber damit war noch nicht erklärt, warum ein einzelnes Versäumnis so leicht zu einem Problem für mehrere Personen werden konnte.
Plötzlich standen weitere Fragen im Raum: Wie werden kurzfristige Änderungen im Team eigentlich verbindlich kommuniziert? Was muss aktiv übergeben werden und was darf als bekannt vorausgesetzt werden? Sind Zuständigkeiten nach Veränderungen wirklich für alle eindeutig? Und an welchen Schnittstellen verlassen wir uns gerade darauf, dass „die anderen das schon mitbekommen werden“?
Die Konsequenz bestand deshalb nicht nur darin, den Fehler mit einer Person zu besprechen. Ebenso wichtig war, die Schnittstelle neu zu klären: Wer informiert bei Prioritätsänderungen wen – und woran ist anschließend erkennbar, dass die Information tatsächlich angekommen ist?
Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen Schuldzuweisung und Verantwortung: Der individuelle Anteil bleibt sichtbar. Gleichzeitig wird geprüft, was im System dazu beigetragen hat, dass genau dieser Fehler entstehen und solche Folgen entwickeln konnte.
Verantwortung braucht mehr als Schuldzuweisung
Eine tragfähige Fehlerkultur wird gelegentlich mit Nachsicht verwechselt. Das führt schnell zu der Sorge, Anforderungen könnten beliebig werden oder niemand müsse mehr für das eigene Handeln einstehen.
Verantwortung verliert jedoch nicht an Bedeutung, wenn Zusammenhänge genauer betrachtet werden. Sie wird präziser.
Wer eine Entscheidung getroffen, eine Aufgabe übersehen oder eine wichtige Information nicht weitergegeben hat, sollte sich damit auseinandersetzen. Dazu gehört, den eigenen Anteil anzuerkennen und Konsequenzen mitzutragen. Ebenso professionell ist es, die Bedingungen zu prüfen, unter denen der Fehler entstanden ist.
Manche Fehler beruhen auf einer falschen Einschätzung. Andere entstehen, weil Abläufe unklar, Ressourcen knapp oder Erwartungen widersprüchlich sind. Wieder andere lassen sich trotz sorgfältiger Arbeit nicht vollständig verhindern, weil Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen.
Die Rahmenbedingungen ernst zu nehmen, relativiert Verantwortung nicht.
Es verhindert vielmehr, dass jede Abweichung vorschnell als persönliches Versagen gedeutet wird – und eröffnet den Blick darauf, was individuell und was im Zusammenspiel von Strukturen, Abläufen und Zusammenarbeit verändert werden muss.
Welche besondere Rolle Führungskräfte für die Fehlerkultur in der Arbeitswelt spielen
Ob ein Team Fehler tatsächlich offen betrachten kann, hängt nicht nur von der Haltung einzelner Mitarbeitender ab. Entscheidend ist auch, welcher Umgang mit Unsicherheit, Verantwortung und Kritik im Arbeitsalltag erlebt wird.
Gerade hier kommt Führung ins Spiel. Das Verhalten der Führungskraft prägt mit, wie im Team über die Situation gesprochen werden kann. Ihre Reaktion hat dabei besonderes Gewicht: Führungskräfte bewerten Leistungen, treffen Entscheidungen und können Konsequenzen beeinflussen. Entsprechend aufmerksam wird wahrgenommen, was passiert, wenn jemand einen Fehler offenlegt, eine Unsicherheit anspricht oder im Nachhinein eine Entscheidung infrage stellt.
Eine vorschnelle Zuschreibung verengt den Blick. Eine sorgfältige Klärung eröffnet dagegen die Möglichkeit, Verantwortung zu benennen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Kritik auszusprechen, ohne einzelne Personen bloßzustellen.
Mitarbeitende registrieren solche Reaktionen ziemlich genau.
Sie merken, ob eine spät geäußerte Rückfrage noch willkommen ist, ob Unsicherheit ausgesprochen werden darf und wie mit Risiken umgegangen wird. Auch macht es einen Unterschied, ob Erklärungen als hilfreicher Kontext oder sofort als Rechtfertigung gelesen werden – und ob Führung selbst bereit ist, Entscheidungen zu korrigieren oder eigene Fehleinschätzungen sichtbar zu machen.
Daraus entwickeln sich gemeinsame Erfahrungen darüber, wann Offenheit möglich ist und an welcher Stelle Zurückhaltung sicherer erscheint. Dabei geht es nicht darum, Fehler folgenlos zu lassen. Auch eine klare Rückmeldung oder eine notwendige Konsequenz sind Teil einer gelebten Fehlerkultur.
Entscheidend bleibt jedoch, ob Kritik der Klärung dient – oder vor allem dazu führt, dass beim nächsten Mal möglichst niemand mehr auffallen möchte.
Fehlerkultur entsteht deshalb vor allem im Alltag: in Besprechungen, bei Übergaben und in kurzen Abstimmungen zwischen Tür und Angel. Führung setzt dafür einen wichtigen Rahmen. Wie dieser Rahmen genutzt wird, entscheidet sich jedoch auch im Team. Dort bilden sich eigene Gewohnheiten im Umgang mit Irritationen, Wissenslücken und unterschiedlichen Einschätzungen.
Wenn aus einzelnen Fehlern ein Muster wird
Ein einzelner Fehler sagt noch nicht viel über eine Organisation aus. Interessant wird es dort, wo ähnliche Schwierigkeiten immer wieder auftreten.
Wenn Informationen regelmäßig an derselben Schnittstelle verloren gehen, Rückfragen an bestimmten Stellen ausbleiben oder Aufgaben wiederholt zwischen Zuständigkeiten hängenbleiben, lohnt sich deshalb ein Blick über den einzelnen Vorfall hinaus.
Die entscheidende Frage ist dann nicht mehr nur: Was ist diesmal passiert? Sondern auch: Warum passiert uns genau das immer wieder?
Spätestens an diesem Punkt geht es nicht mehr allein um die Korrektur eines einzelnen Fehlers. Dann kann es notwendig werden, Abläufe, Rollen, Entscheidungswege oder Prioritäten grundsätzlich zu überprüfen.
Das kann unbequem werden. Strukturelle Ursachen lassen sich selten in einem einzelnen Gespräch klären. Sie berühren Prioritäten, Personalausstattung und manchmal auch den Anspruch, unter schwierigen Bedingungen unverändert dieselbe Leistung zu erwarten.
Lernen braucht einen Ort
Zu erkennen, was einen Fehler begünstigt hat, ist allerdings noch nicht dasselbe wie daraus zu lernen.
Viele Organisationen beschäftigen sich intensiv mit Fehlern, sobald bereits ein Schaden entstanden ist. Im normalen Arbeitsalltag fehlt dagegen oft die Zeit, Erfahrungen gemeinsam auszuwerten.
Dafür braucht es nicht immer ein großes Format.
Schon ein kurzer Rückblick kann helfen, Erwartungen und tatsächlichen Verlauf miteinander abzugleichen, schwierige Stellen zu erkennen und Konsequenzen für das weitere Vorgehen abzuleiten.
Etwas konkreter kann dabei gefragt werden: Was sollte passieren? Was ist tatsächlich passiert? An welcher Stelle wurde es schwierig? Was haben wir übersehen – und was würden wir beim nächsten Mal anders machen?
Solche Gespräche werden leichter, wenn sie regelmäßig stattfinden und nicht ausschließlich mit Krisen verbunden sind. Beteiligte müssen dann weniger Energie darauf verwenden, sich abzusichern.
Fehler können besprochen werden, ohne ihre Bedeutung kleinzureden.
Auch die Sprache beeinflusst, was in diesen Momenten möglich wird. Ein Satz wie „Wie konnte das passieren?“ kann echtes Interesse ausdrücken und zugleich wie ein Vorwurf wirken. Präzisere Formulierungen lenken den Blick stärker auf den Verlauf: Welche Informationen lagen zum Entscheidungszeitpunkt vor, worauf beruhte die Einschätzung und an welcher Stelle fehlte eine Rückmeldung?
Das wirkt unspektakulär. Gerade darin liegt seine Stärke. Lernen beginnt häufig mit einer sorgfältigen Betrachtung dessen, was tatsächlich geschehen ist. Und erst danach lässt sich sinnvoll entscheiden, was daraus folgen soll.
Eine Fehlerkultur zeigt sich im nächsten Schritt
Fehlerfreiheit ist kein realistischer Maßstab für Zusammenarbeit. Sorgfalt, Kompetenz und klare Verantwortlichkeiten bleiben dennoch unverzichtbar. Entscheidend ist, was nach einem Fehler möglich wird.
Nicht jeder Fehler braucht dafür einen Maßnahmenplan. Aber wenn aus einer Erfahrung etwas gelernt worden sein soll, sollte sich dieses Lernen irgendwann auch im weiteren Handeln zeigen.
Ebenso wichtig ist der spätere Blick darauf, ob diese Veränderungen im Alltag tatsächlich tragen. Hat die Veränderung funktioniert? Ist das Problem tatsächlich seltener geworden? Oder zeigt sich, dass an einer anderen Stelle noch einmal nachjustiert werden muss?
Eine tragfähige Fehlerkultur erlaubt es, Versäumnisse offen zu benennen, Folgen zu klären und konkrete Veränderungen abzuleiten.
Verantwortung wird dabei weder abgeschwächt noch auf einzelne Personen verengt. Sie wird genauer betrachtet und weitergedacht. So kann Klarheit entstehen, ohne Angst zum wichtigsten Steuerungsinstrument zu machen.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Fehlerkultur heißt nicht, Fehler zu verharmlosen. Professionell wird der Umgang dort, wo Verantwortung übernommen, Zusammenhänge verstanden und daraus Veränderungen für den Arbeitsalltag entwickelt, erprobt und überprüft werden.



Das trifft es auf den Punkt. Danke!!