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Fehlerkultur in der Arbeitswelt

Autorenbild: Korinna Kubelt
Korinna Kubelt
5. Juli 2025
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Aug.

Zwischen Anspruch, Verantwortung und Lernen


Abstrakte Illustration zur Fehlerkultur in der Arbeitswelt: Ein aus der Reihe geratenes Element wird Teil einer neuen Entwicklung – als Sinnbild für Verantwortung, Lernen und Veränderung.


Dass Fehler wichtige Hinweise geben und Entwicklung ermöglichen können, ist vermutlich keine besonders überraschende Erkenntnis.


Mich interessiert deshalb weniger die allgemeine Forderung nach einer „guten Fehlerkultur“ als die Frage, was sie im Arbeitsalltag tatsächlich bedeutet.


Was passiert, wenn ein Fehler reale Folgen hat? Dann geht es um Verantwortung – und zugleich darum, genauer hinzusehen: auf Abläufe, Schnittstellen, Führung und Arbeitsbedingungen.


Wie tragfähig eine Fehlerkultur ist, zeigt sich besonders in den Reaktionen, Gesprächen und Entscheidungen, die auf einen Fehler folgen.



Wenn Fehler möglichst unsichtbar bleiben sollen


Viele Menschen haben früh gelernt, dass Fehler Folgen haben können. Wenn etwas schiefläuft, wird oft schnell kritisiert oder bewertet – und ebenso schnell steht der Verdacht im Raum, jemand sei einer Aufgabe nicht gewachsen. Diese Erfahrungen verschwinden nicht automatisch an der Bürotür.


In Arbeitskontexten mit hohem Zeitdruck, klaren Hierarchien oder starkem Leistungsanspruch wächst deshalb leicht der Wunsch, möglichst unangreifbar zu bleiben. Rückfragen werden zurückgehalten, Unsicherheiten lieber nicht gezeigt und Entscheidungen noch einmal zusätzlich abgesichert.


Der Anspruch, gute Arbeit zu leisten, ist dabei nicht das Problem. Unrealistisch wird es, wenn der Eindruck entsteht, möglichst keine Unsicherheit zeigen und schon gar keine Fehler machen zu dürfen.


Verhindern lassen sich Fehler dadurch in der Regel nicht. Passiert dennoch etwas, beginnt schnell die Rekonstruktion: Wer wusste was? Wer hätte wie reagieren müssen? Warum wurde die Information nicht weitergegeben oder rechtzeitig eingegriffen?


Diese Fragen sind berechtigt. Schließlich muss geklärt werden, was passiert ist, wer welchen Anteil daran hatte und was künftig anders laufen sollte.


Schwierig wird es, wenn die Suche nach Verantwortung so viel Raum einnimmt, dass für die eigentliche Auswertung kaum noch etwas übrig bleibt.


Dann verengt sich die Klärung irgendwann auf die Frage: Wer war es? Aus dem Blick gerät, wodurch die Situation begünstigt wurde.



Aus der Praxis: Ein Fehler entsteht selten an nur einer Stelle


Wie schnell sich der Blick verändert, wenn neben dem individuellen Fehler auch sein Entstehungskontext betrachtet wird, zeigte sich kürzlich in einem Teamcoaching.


Für einen laufenden Auftrag hatte sich kurzfristig eine Priorität verändert. Ein Arbeitsschritt musste früher abgeschlossen werden als ursprünglich vorgesehen. Die Information darüber war im Team angekommen – nur nicht bei der Kollegin, die ihre Arbeit entsprechend hätte umstellen müssen.


Sie arbeitete nach dem bisherigen Zeitplan weiter. Als auffiel, dass der Zwischenschritt bereits am nächsten Tag benötigt wurde, musste kurzfristig umorganisiert werden. Andere Aufgaben blieben liegen, mehrere Kolleg:innen sprangen ein und in einem ohnehin stark belasteten Team entstand zusätzlicher Zeitdruck.


Auf den ersten Blick schien die Sache eindeutig: Ein Kollege hatte von der Änderung gewusst und die Information nicht weitergegeben.


Der Fehler war benennbar – und die verantwortliche Person scheinbar auch.


Als wir den Ablauf genauer rekonstruierten, wurde das Bild komplexer.


Die Zuständigkeit für den Auftrag war erst wenige Wochen zuvor verändert worden. Bis dahin hatte der Kollege solche Informationen selbst verarbeitet; nun sollte er sie weitergeben. Relevante Informationen liefen gleichzeitig über verschiedene Wege: per E-Mail, über eine gemeinsame Ablage und in kurzen Abstimmungen. Eine verbindliche Regel dafür, wer bei kurzfristigen Änderungen wen aktiv informiert, gab es nicht.


Der Kollege war davon ausgegangen, dass die Kollegin die Änderung über den Verteiler gesehen hatte. Sie wiederum erwartete, dass Änderungen, die ihren Arbeitsbereich unmittelbar betrafen, aktiv an sie weitergegeben würden.


Beide Annahmen waren für sich genommen nachvollziehbar. Zusammen funktionierten sie nicht.


Hinzu kam die hohe Arbeitsbelastung. Kurze Rücksprachen wurden im Alltag zunehmend zugunsten der eigenen Aufgaben zurückgestellt. So blieb auch die Nachfrage „Hast du das schon gesehen?“ aus.


Mit diesem genaueren Bild verschwand die individuelle Verantwortung nicht. Der Kollege hätte die Änderung weitergeben müssen. Der Blick auf den gesamten Ablauf erklärte aber, warum ein einzelnes Versäumnis so leicht Folgen für mehrere Personen entwickeln konnte.


Jetzt rückten die konkreten Schnittstellen in den Blick: Wie werden kurzfristige Änderungen verbindlich weitergegeben, was muss aktiv übergeben werden und wie bleiben Zuständigkeiten auch nach Veränderungen klar?


Die Konsequenz bestand deshalb nicht allein darin, das Versäumnis mit dem Kollegen zu besprechen. Das Team klärte zugleich, wer bei Prioritätsänderungen wen informiert – und woran anschließend erkennbar ist, dass die Information tatsächlich angekommen ist.


Für mich zeigt das Beispiel sehr treffend: Verantwortung verliert nicht an Bedeutung, wenn Zusammenhänge genauer betrachtet werden. Sie wird präziser.


Dazu gehört auch, Fehler unterschiedlich einzuordnen. Ein nachvollziehbarer Irrtum unter unklaren Bedingungen ist etwas anderes als wiederholte Nachlässigkeit trotz eindeutiger Zuständigkeit. Bewusst gegen eine Vereinbarung zu verstoßen, verlangt wiederum eine andere Reaktion.


Den Kontext zu verstehen heißt deshalb nicht, Unterschiede einzuebnen oder Konsequenzen zu vermeiden. Es hilft vielmehr, angemessen zu entscheiden, was individuell geklärt werden muss – und was sich an Abläufen oder Rahmenbedingungen verändern sollte.



Fehlerkultur ist auch Führungskultur


Wie offen eine solche Klärung möglich ist, hängt nicht allein von den einzelnen Mitarbeitenden ab. Prägend ist auch, wie im Arbeitsalltag auf Unsicherheit, Kritik und Fehler reagiert wird.


Führungskräfte haben dabei besonderes Gewicht. Sie bewerten Leistungen, treffen Entscheidungen und beeinflussen mögliche Konsequenzen. Entsprechend aufmerksam wird wahrgenommen, was passiert, wenn jemand einen Fehler offenlegt, eine Unsicherheit anspricht oder eine frühere Entscheidung hinterfragt.


Eine vorschnelle Zuschreibung verengt den Blick. Eine sorgfältige Klärung kann hingegen ermöglichen, Verantwortung klar zu benennen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Kritik auszusprechen, ohne eine Person auf ihren Fehler zu reduzieren.


Mitarbeitende registrieren sehr genau, was Offenheit im jeweiligen Arbeitsumfeld kostet.


Sie merken, ob eine verspätete Rückfrage noch willkommen ist, ein „Ich bin mir nicht sicher“ ausgesprochen werden darf oder Erklärungen sofort als Ausrede gelten. Ebenso fällt auf, ob Führung selbst bereit ist, Entscheidungen zu korrigieren und eigene Fehleinschätzungen sichtbar zu machen.


Daraus entstehen gemeinsame Erfahrungen darüber, wann Offenheit möglich ist und wann Zurückhaltung sicherer erscheint.


Das bedeutet keineswegs, Fehler folgenlos zu lassen. Eine klare Rückmeldung oder notwendige Konsequenzen sind auch Teil einer guten Fehlerkultur.


Entscheidend ist, ob Kritik zur Klärung beiträgt – oder vor allem dazu führt, dass beim nächsten Mal möglichst niemand mehr auffallen möchte.



Wenn aus einzelnen Fehlern ein Muster wird


Ein Fehler kann ein einmaliges Versäumnis sein. Treten ähnliche Schwierigkeiten jedoch immer wieder an denselben Stellen auf, deutet das auf ein Muster hin.


Dann reicht es irgendwann nicht mehr, jeden Vorfall einzeln zu betrachten.


Die Frage verschiebt sich von „Was ist diesmal passiert?“ zu „Warum passiert uns genau das immer wieder?“


An diesem Punkt können Rollen, Abläufe, Entscheidungswege oder Prioritäten selbst zum Thema werden. Das ist nicht immer bequem. Strukturelle Ursachen berühren schnell Fragen nach Personalausstattung, Verantwortungsverteilung oder dem Anspruch, trotz schwieriger Bedingungen unverändert dieselbe Leistung zu erwarten.


Hier lohnt die Unterscheidung zwischen einem individuellen Fehler, Bedingungen, die ihn begünstigt haben, und wiederkehrenden Schwierigkeiten, die auf ein strukturelles Problem hindeuten.


Wo sich solche Muster zeigen, reicht die Klärung des einzelnen Vorfalls allein nicht mehr aus.


Lernen braucht einen Ort – und einen nächsten Schritt


Solche Muster werden allerdings nur sichtbar, wenn Erfahrungen gemeinsam ausgewertet werden. Im normalen Arbeitsalltag wird das leicht nach hinten geschoben, weil anderes dringlicher erscheint.


Dafür braucht es kein großes Format. Ein kurzer, strukturierter Rückblick kann bereits helfen, den tatsächlichen Verlauf mit dem geplanten abzugleichen, kritische Stellen zu erkennen und festzuhalten, was beim nächsten Mal anders laufen soll.


Die gemeinsame Auswertung wird leichter, wenn sie selbstverständlich zum Arbeitsalltag gehört und nicht erst stattfindet, wenn bereits etwas eskaliert ist. Am besten gelingt das, wenn kurze Rückblicke einen festen Platz in ohnehin bestehenden Besprechungen haben.


Auch die Sprache spielt eine Rolle. Ein „Wie konnte das passieren?“ kann schnell wie ein Vorwurf klingen. Konkreter wird es, wenn gemeinsam rekonstruiert wird, welche Informationen vorlagen, worauf Entscheidungen beruhten und an welcher Stelle etwas verloren ging oder übersehen wurde.


Verstanden zu haben, was passiert ist, reicht für Lernen allein noch nicht. Im Arbeitsalltag muss daraus etwas folgen. Das kann ein klarerer Informationsweg, eine veränderte Zuständigkeit oder eine neue Abstimmung sein.


Zu diesem Prozess gehört auch, die vereinbarte Veränderung nachzuhalten und zu prüfen, ob sie sich im Alltag tatsächlich bewährt. Zeigt sich, dass sie nicht ausreichend greift, muss entsprechend nachjustiert werden.



Ein Gedanke zum Mitnehmen


Ob aus einem Fehler wirklich gelernt wurde, zeigt sich beim nächsten ähnlichen Moment – daran, was dann anders läuft.

1 Kommentar

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Sandra K.
12. Dez. 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Das trifft es auf den Punkt. Danke!!

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