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Fehlerkultur in der Arbeitswelt

  • Autorenbild: Korinna Kubelt
    Korinna Kubelt
  • 5. Juli 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Juli

Zwischen Anspruch, Verantwortung und Lernen


Personen sitzen im Stuhlkreis vor einem Fenster hinter einer Glasscheibe, eine Frau schaut einen ernst blickenden Mann an, während er eine Handgeste macht.
Ein Moment des Austauschs: Fehlerkultur entsteht dort, wo unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden können - nicht immer einfach, aber lohnenswert.

Zwischen Anspruch, Verantwortung und Lernen


Ein Fehler verändert manchmal nur einen kleinen Arbeitsschritt. Manchmal zieht er weitere Kreise. Eine Information wurde zu spät weitergegeben, eine Entscheidung beruhte auf einer falschen Annahme oder eine Aufgabe blieb liegen, weil sich mehrere Personen jeweils aufeinander verlassen hatten.


Interessant wird es oft erst danach:

Wird der Fehler offen angesprochen?

Beginnt sofort die Suche nach einer verantwortlichen Person?

Oder versucht zunächst jede:r, den eigenen Anteil möglichst klein erscheinen zu lassen?


Der Umgang mit solchen Situationen erzählt viel über eine Organisation. Er zeigt, wie sicher Mitarbeitende sich fühlen, wie Verantwortung verstanden wird und ob Zusammenarbeit auch dann trägt, wenn etwas anders läuft als geplant.



Wenn Fehler möglichst unsichtbar bleiben sollen


Viele Menschen haben früh gelernt, dass Fehler Folgen haben können. Sie werden bewertet, kritisiert oder als Beleg dafür gelesen, dass jemand einer Aufgabe nicht gewachsen ist. Diese Erfahrung verschwindet nicht automatisch an der Bürotür.


In Arbeitskontexten mit hohem Zeitdruck, klaren Hierarchien oder starkem Leistungsanspruch wächst deshalb häufig der Wunsch, möglichst unangreifbar zu bleiben. Rückfragen werden zurückgehalten, Risiken vorsichtiger formuliert und Entscheidungen lieber noch einmal abgesichert.


Kommt es dennoch zu einem Fehler, beginnt mitunter ein leises Sortieren:

Wer wusste was? Wer hätte reagieren müssen? Und wie lässt sich erklären, warum es so gekommen ist?


Das wirkt zunächst vernünftig. Schließlich braucht es Klarheit darüber, was passiert ist. Schwierig wird es, wenn die Suche nach Verantwortung so viel Raum einnimmt, dass für die eigentliche Auswertung kaum noch etwas übrig bleibt. Dann lautet die entscheidende Frage irgendwann nur noch: Wer war es? Dabei wäre mindestens ebenso wichtig zu verstehen, wodurch die Situation begünstigt wurde.



Ein Fehler entsteht selten an nur einer Stelle


In einem Coaching ging es um eine Entscheidung, deren Folgen im Team noch nachwirkten. Eine wichtige Information war im Arbeitsprozess nicht an der Stelle angekommen, an der sie gebraucht wurde. Im Rückblick entstand zunächst der Eindruck, der entscheidende Moment lasse sich klar benennen.


Bei genauerem Hinsehen zeigte sich jedoch ein komplexeres Bild. Zuständigkeiten hatten sich in den Monaten zuvor mehrfach verschoben, Absprachen waren unterschiedlich verstanden worden und mehrere Personen gingen davon aus, dass der nächste Schritt bereits an anderer Stelle übernommen würde. Gleichzeitig war die Arbeitsbelastung so hoch, dass Rückfragen zunehmend als zusätzliche Verzögerung erlebt wurden.


Die Situation ließ sich damit weder einer einzelnen Person zuschreiben noch einfach mit den Umständen erklären. Sichtbar wurde vielmehr, wie leicht Verantwortung an unklaren Übergängen verloren gehen kann – und wie wichtig es ist, diese Übergänge gemeinsam genauer zu betrachten.


Genau an diesem Punkt entscheidet sich, wie eine Organisation mit Fehlern umgeht.


Bleibt der Blick bei der einzelnen Person stehen, wird möglicherweise eine Ermahnung ausgesprochen und der Vorgang abgeschlossen. Werden auch Abläufe, Erwartungen und Schnittstellen betrachtet, kann aus derselben Situation mehr entstehen: klarere Zuständigkeiten, frühere Rückmeldungen und ein gemeinsames Verständnis dafür, welche Informationen tatsächlich relevant sind.



Verantwortung braucht mehr als Schuldzuweisung


Eine tragfähige Fehlerkultur wird gelegentlich mit Nachsicht verwechselt. Das führt schnell zu der Sorge, Anforderungen könnten beliebig werden oder niemand müsse mehr für das eigene Handeln einstehen.


Verantwortung verliert jedoch nicht an Bedeutung, wenn Zusammenhänge genauer betrachtet werden. Sie wird präziser.


Wer eine Entscheidung getroffen, eine Aufgabe übersehen oder eine Information zurückgehalten hat, sollte sich damit auseinandersetzen. Dazu gehört, den eigenen Anteil anzuerkennen und Konsequenzen mitzutragen. Ebenso professionell ist es, die Bedingungen zu prüfen, unter denen der Fehler entstanden ist.


Manche Fehler beruhen auf einer falschen Einschätzung. Andere entstehen, weil Abläufe unklar, Ressourcen knapp oder Erwartungen widersprüchlich sind. Wieder andere lassen sich trotz sorgfältiger Arbeit nicht vollständig verhindern, weil Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen.


Diese Unterschiede ernst zu nehmen, schützt weder vor Verantwortung noch vor Konsequenzen. Es verhindert lediglich, dass jede Abweichung vorschnell als persönliches Versagen gedeutet wird.



Was Führung in schwierigen Momenten sichtbar macht


Leitbilder über Offenheit und Lernen sind schnell formuliert. Ihre tatsächliche Bedeutung zeigt sich erst, wenn etwas schiefgeht.


Dann prägt das Verhalten der Führungskraft, wie im Team über die Situation gesprochen werden kann. Eine vorschnelle Zuschreibung verengt den Blick. Eine sorgfältige Klärung eröffnet dagegen die Möglichkeit, Verantwortung zu benennen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Kritik auszusprechen, ohne einzelne Personen bloßzustellen.


Mitarbeitende registrieren solche Reaktionen in der Regel ziemlich genau.


Sie merken, ob eine spät geäußerte Rückfrage noch willkommen ist, ob Unsicherheit ausgesprochen werden darf und wie mit Risiken umgegangen wird. Daraus entwickeln sich gemeinsame Erfahrungen darüber, wann Offenheit möglich ist und an welcher Stelle Zurückhaltung sicherer erscheint.


Fehlerkultur entsteht deshalb vor allem im Alltag: in Besprechungen, bei Übergaben und in kurzen Abstimmungen zwischen Tür und Angel. Führung setzt dafür einen wichtigen Rahmen. Wie dieser Rahmen genutzt wird, entscheidet sich jedoch auch im Team. Dort bilden sich eigene Gewohnheiten im Umgang mit Irritationen, Wissenslücken und unterschiedlichen Einschätzungen.



Wenn Überlastung zum Teil des Problems wird


Ein wiederkehrender Fehler wird schnell mit mangelnder Sorgfalt erklärt. Mitunter trifft das zu. Häufiger lohnt sich zusätzlich ein Blick auf die Bedingungen, unter denen gearbeitet wird.


Wenn viele Aufgaben gleichzeitig laufen, Unterbrechungen zum Alltag gehören und Zeit für Prüfung oder Abstimmung fehlt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Informationen verloren gehen oder Warnsignale zu spät wahrgenommen werden. Wechselnde Zuständigkeiten und widersprüchliche Erwartungen verstärken diese Dynamik.


Fehler erscheinen dann leicht als individuelles Problem, obwohl sie zugleich auch auf strukturelle Überforderung hinweisen können.


Eine Organisation, die solche Hinweise ernst nimmt, bleibt deshalb nicht bei der Forderung nach größerer Aufmerksamkeit stehen. Sie prüft, ob Aufgaben, Verantwortlichkeiten und verfügbare Ressourcen noch zueinander passen.


Das kann unbequem werden. Strukturelle Ursachen lassen sich selten in einem einzelnen Gespräch klären. Sie berühren Prioritäten, Personalausstattung und manchmal auch den Anspruch, unter schwierigen Bedingungen unverändert dieselbe Leistung zu erwarten.



Lernen braucht einen Ort


Viele Organisationen beschäftigen sich intensiv mit Fehlern, sobald bereits ein Schaden entstanden ist. Im normalen Arbeitsalltag fehlt dagegen oft die Zeit, Erfahrungen gemeinsam auszuwerten.


Dafür braucht es nicht immer ein großes Format.


Schon ein kurzer Rückblick kann helfen, Erwartungen und tatsächlichen Verlauf miteinander abzugleichen, schwierige Stellen zu erkennen und Konsequenzen für das weitere Vorgehen abzuleiten.


Solche Gespräche werden leichter, wenn sie regelmäßig stattfinden und nicht ausschließlich mit Krisen verbunden sind. Beteiligte müssen dann weniger Energie darauf verwenden, sich abzusichern.


Fehler können besprochen werden, ohne ihre Bedeutung kleinzureden.


Auch die Sprache beeinflusst, was in diesen Momenten möglich wird. Ein Satz wie „Wie konnte das passieren?“ kann echtes Interesse ausdrücken und zugleich wie ein Vorwurf wirken. Präzisere Formulierungen lenken den Blick stärker auf den Verlauf: Welche Informationen lagen zum Entscheidungszeitpunkt vor, worauf beruhte die Einschätzung und an welcher Stelle fehlte eine Rückmeldung?


Das wirkt unspektakulär. Gerade darin liegt seine Stärke. Lernen beginnt häufig mit einer sorgfältigen Betrachtung dessen, was tatsächlich geschehen ist.


Eine Fehlerkultur zeigt sich im nächsten Schritt


Fehlerfreiheit ist kein realistischer Maßstab für Zusammenarbeit. Sorgfalt, Kompetenz und klare Verantwortlichkeiten bleiben dennoch unverzichtbar. Entscheidend ist, was nach einem Fehler möglich wird.


Eine tragfähige Fehlerkultur erlaubt es, Versäumnisse offen zu benennen, Folgen zu klären und konkrete Veränderungen abzuleiten.


Ebenso wichtig ist der spätere Blick darauf, ob diese Veränderungen im Alltag tatsächlich tragen.


Verantwortung wird dabei weder abgeschwächt noch auf einzelne Personen verengt. Sie wird genauer betrachtet und weitergedacht. So kann Klarheit entstehen, ohne Angst zum wichtigsten Steuerungsinstrument zu machen.


Manche Erfahrungen führen zunächst einen Schritt zurück. Andere machen sichtbar, was bisher gefehlt hat. Entwicklung verläuft selten geradlinig. Professionell wird der Umgang mit Fehlern dort, wo auch aus unbequemen Abschnitten etwas für die weitere Zusammenarbeit mitgenommen wird.

1 Kommentar

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Sandra K.
12. Dez. 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Das trifft es auf den Punkt. Danke!!

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