Beruflicher Jahresendspurt: Ist es gerade nur zu viel – oder stimmt etwas nicht mehr?

Aktualisiert: 25. Aug.
Belastung, berufliche Zweifel und bewusste Entlastung zum Jahresende

Zum Jahresende wird im Beruf gern noch einmal alles gleichzeitig wichtig. Projekte sollen abgeschlossen, Budgets verteilt, Ziele formuliert und offene Aufgaben möglichst nicht mit ins neue Jahr genommen werden. Dazu kommen Urlaubsvertretungen, Jahresgespräche und Aufgaben, die über Monate erstaunlich geduldig waren und plötzlich eine bemerkenswerte Bindung an den 31. Dezember entwickeln.
Dass privat zur selben Zeit meist ebenfalls wenig Leerlauf herrscht, macht die Sache selten übersichtlicher.
Gerade in dieser Verdichtung tauchen bei manchen meiner Kund:innen Gedanken auf, die mit der letzten To-do-Liste nur noch am Rand zu tun haben. Die Arbeit fühlt sich schwerer an, Erschöpfung wird deutlicher und Fragen, die im Alltag lange wenig Raum hatten, drängen stärker nach vorn.
Will ich so eigentlich weitermachen?
Ein beruflicher Jahresendspurt erzeugt solche Zweifel häufig nicht neu. Er kann aber ziemlich deutlich sichtbar machen, was über längere Zeit funktioniert, ausgehalten, kompensiert oder immer wieder nach hinten geschoben wurde.
Und genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick, bevor aus einem erschöpften Dezember ein Urteil über das gesamte Berufsleben wird.
Ein voller Dezember macht noch keinen falschen Job
Phasen hoher Arbeitsbelastung gehören in vielen Berufen dazu. Mehrere Fristen treffen zusammen, Kolleg:innen fallen aus, Projekte laufen parallel und vor den Feiertagen soll möglichst vieles noch einen Haken bekommen.
Das kann ausgesprochen anstrengend sein und trotzdem vorübergehen.
Anders sieht es aus, wenn der zusätzliche Druck vor allem verstärkt, was ohnehin schon länger vorhanden ist. Vielleicht sind Verantwortlichkeiten über Monate gewachsen, ohne neu geklärt worden zu sein. Vielleicht wird zusätzlicher Einsatz inzwischen selbstverständlich erwartet. Entscheidungen werden getroffen, ohne die eigene Rolle ausreichend einzubeziehen, oder die Zusammenarbeit kostet längst mehr Kraft, als einem lieb ist.
Hinzu kommt häufig der eigene Anteil. Wer gern Verantwortung übernimmt, zuverlässig arbeitet und andere ungern hängen lässt, kann erstaunlich lange dafür sorgen, dass auch ungünstige Bedingungen irgendwie funktionieren.
Berufliche Belastung lässt sich selten sauber entweder der Person oder den Arbeitsbedingungen zuschreiben – und das gilt weit über den beruflichen Jahresendspurt hinaus. Interessant wird es dort, wo beides ineinandergreift.
Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn Verlässlichkeit selbstverständlich wird
Eine Kundin Mitte dreißig kam mit einer Unsicherheit zu mir, die sie selbst irritierte. Eigentlich mochte sie ihre Arbeit. Ihr Aufgabenfeld interessierte sie, mit vielen Kolleg:innen arbeitete sie gern zusammen und ein grundsätzlicher beruflicher Wechsel war zunächst gar nicht ihr Thema.
Trotzdem ging sie immer häufiger erschöpft nach Hause.
Über Jahre hatte sie zusätzliche Verantwortung übernommen, sprang ein, wenn etwas liegen blieb, war sehr gut erreichbar und hatte gelegentlich auch während ihres Urlaubs berufliche Termine möglich gemacht. Lange hatte sie genau das als Stärke erlebt: engagiert, verlässlich und jemand, auf den man sich verlassen konnte.
Mit der Zeit war daraus jedoch etwas entstanden, das kaum ausdrücklich vereinbart worden war. Aufgaben landeten bei ihr, weil alle wussten, dass sie sie erledigen würde. Engpässe wurden aufgefangen, weil sie sie auffing. Ihr Einsatz wurde durchaus geschätzt – gleichzeitig wurde immer weniger sichtbar, wie viel zusätzlichen Aufwand dieses Funktionieren inzwischen bedeutete.
Die entscheidende Frage im Coaching war deshalb zunächst gar nicht: Soll ich bleiben oder gehen?
Viel interessanter war:
Passte die Arbeit tatsächlich nicht mehr zu ihr – oder passte die Rolle nicht mehr, die sich innerhalb dieser Arbeit entwickelt hatte?
Wir schauten genauer darauf, welche Aufgaben tatsächlich zu ihrer Verantwortung gehörten, was sie zusätzlich übernommen hatte und welche Erwartungen daraus auf beiden Seiten entstanden waren. Dabei zeigte sich noch etwas: Verlässlich zu sein gehörte stark zu ihrem beruflichen Selbstbild.
Weniger zu übernehmen fühlte sich für sie deshalb zunächst nicht automatisch nach Entlastung an. Es berührte auch die Vorstellung davon, wie sie als Kollegin und Mitarbeiterin sein wollte.
Grenzen verändern manchmal nicht nur einen Kalender. Sie berühren auch das eigene Bild davon, wer man bei der Arbeit sein möchte.
Beruflicher Jahresendspurt - was danach noch bleibt
Zum Jahresende lässt sich manchmal schwer unterscheiden, was gerade vor allem der aktuellen Verdichtung geschuldet ist und was schon länger nicht mehr stimmig wirkt. Ein hoher Arbeitsberg, wenig Erholung, private Verpflichtungen und der Wunsch, möglichst viel noch vor den Feiertagen abzuschließen, können einen grundsätzlich passenden Job vorübergehend ziemlich unattraktiv erscheinen lassen.
Gleichzeitig verschwinden Themen, die seit Monaten bestehen, selten allein durch ein paar freie Tage.
Deshalb finde ich eine Frage besonders hilfreich:
Was würde sich vermutlich verändern, wenn der aktuelle Druck nachlässt – und was wäre danach immer noch da?
Eine intensive Projektphase endet irgendwann. Eine dauerhaft unklare Rolle bleibt dagegen in der Regel unklar. Ein außergewöhnlicher Arbeitsberg kann kleiner werden. Das Gefühl, bei wichtigen Entscheidungen regelmäßig außen vor zu bleiben, nimmt erfahrungsgemäß nicht automatisch Anfang Januar frei.
Diese Unterscheidung schützt vor zwei schnellen Schlüssen: aus akuter Erschöpfung sofort eine grundlegende berufliche Entscheidung abzuleiten – oder länger bestehende Unzufriedenheit immer wieder als vorübergehenden Stress abzutun.
Manche Belastungen brauchen kurzfristig Entlastung. Andere brauchen eine grundsätzliche Klärung. Dabei lohnt sich auch die Frage, was genau eigentlich nicht mehr passt.
Zwischen „Ich möchte diese Arbeit nicht mehr“ und „Ich möchte so nicht mehr arbeiten“ liegt ein großer Unterschied.
Die Tätigkeit selbst kann weiterhin richtig sein, während die Rolle inzwischen zu groß geworden ist. Vielleicht passen die Aufgaben, aber der Umgang mit Verantwortung nicht mehr. Vielleicht fehlt Gestaltungsspielraum, eine schwierige Führungsbeziehung kostet Kraft oder aus gelegentlichem zusätzlichem Einsatz ist längst eine dauerhafte Erwartung geworden.
Gerade bei sehr verlässlichen Mitarbeitenden entsteht dabei manchmal ein paradoxes Muster: Je besser Belastung aufgefangen wird, desto weniger sichtbar ist irgendwann, dass überhaupt etwas aufgefangen werden musste.
Die Organisation erlebt: Es läuft.
Die Person erlebt: So kann es auf Dauer nicht weiterlaufen.
Beides kann gleichzeitig stimmen.
Und genau deshalb greift es zu kurz, berufliche Erschöpfung ausschließlich als persönliche Frage von Belastbarkeit, Abgrenzung oder Resilienz zu betrachten. Ebenso wenig erklärt die Organisation automatisch alles. Entscheidend ist häufig das Zusammenspiel zwischen Rahmenbedingungen, Rolle, Erwartungen und der eigenen Art, mit diesen Anforderungen umzugehen.
Welche nächsten Schritte jetzt sinnvoll sein können
Wenn klarer wird, worum es eigentlich geht, lassen sich auch die nächsten Schritte passender wählen.
Bei einer vorübergehenden Überlastung kann es zunächst um Prioritäten, Zuständigkeiten oder Erreichbarkeit gehen. Und Priorisierung hat eine kleine unangenehme Nebenwirkung: Wenn etwas wirklich Vorrang bekommt, muss etwas anderes warten.
Zwölf Aufgaben mit Priorität eins bleiben am Ende vor allem zwölf Aufgaben.
Sitzt die Unzufriedenheit tiefer, braucht es eine andere Art der Klärung. Dann kann es sinnvoller sein, über die eigene Rolle, Verantwortung, Führung oder Entwicklungsmöglichkeiten zu sprechen oder genauer zu prüfen, welche Arbeitsbedingungen sich verändern müssten. Manchmal zeigt sich dabei auch, dass eine größere berufliche Veränderung tatsächlich der passende Weg ist.
Der nächste Schritt sollte deshalb nicht möglichst groß sein, sondern möglichst gut zu dem passen, was tatsächlich verändert werden soll.
Wer zum Jahresende merkt, dass etwas nicht mehr stimmig ist, braucht bis Silvester keinen fertigen Fünfjahresplan. Ein nächster Schritt kann auch darin bestehen, ein Gespräch vorzubereiten, eine Grenze für einige Wochen auszuprobieren, Aufgaben anders zu verteilen oder sich bewusst Zeit für eine berufliche Standortbestimmung zu nehmen.
Eine Erkenntnis muss nicht sofort zu einer endgültigen Entscheidung führen.
Sie sollte allerdings auch nicht zuverlässig jedes Jahr im Januar wieder dort landen, wo sie schon im vergangenen Januar lag.
Dabei bedeutet Entlastung übrigens nicht immer automatisch weniger Arbeit. Pausen, Urlaub oder eine kürzere To-do-Liste können genau richtig sein. Manchmal entsteht Entlastung aber auch durch Klarheit: wenn Verantwortung geklärt wird, eine ausstehende Entscheidung fällt, ein Konflikt endlich angesprochen wird oder verständlicher wird, warum die eigene Rolle inzwischen so viel Kraft kostet.
Entlastung kann also bedeuten, weniger zu tun. Sie kann aber ebenso darin liegen, klarer zu wissen, was sich verändern sollte.
Das macht eine Situation nicht automatisch einfach. Aber aus einem diffusen „Irgendwie ist alles zu viel“ wird etwas, mit dem sich konkreter weiterarbeiten lässt.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Vielleicht liegt die besondere Qualität des Jahresendes gar nicht darin, Bilanz zu ziehen und möglichst viele Antworten zu finden. Es kann auch reichen, genauer zu bemerken, welche Fragen sich hartnäckig immer wieder melden.
Ein besonders voller Dezember ist schließlich kein verlässlicher Karriereberater. Aber Gedanken, die schon den dritten Jahreswechsel mitmachen, verdienen irgendwann vielleicht doch etwas mehr Aufmerksamkeit.
Und auch sonst gilt: Ein neues Jahr beginnt erstaunlicherweise selbst dann, wenn am 31. Dezember noch nicht alles geklärt ist.

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